EIN PLÄDOYER FÜRS PROBEN VON REDEN

 
 
Beitragsbild: Marlène Meyer-Dunker

Beitragsbild: Marlène Meyer-Dunker

 

Es soll ja Menschen geben, die ohne Training einen Marathon laufen. Ich persönlich stelle mir das sehr anstrengend, schweißtreibend und wenig erfüllend vor. 

Es soll ja auch schon vorgekommen sein, dass einer nur so halb vorbereitet vors Publikum getreten ist. So halb, weil ja meist die Präsentation schon liebevoll ausgearbeitet wurde oder die Rede sorgfältig auf dem Stichwortzettel notiert.
 

Das mach ich dann schon irgendwie

Aber zwischen dem finalen Abspeichern und dem „Losrennen“ an Tag X ist oft nicht mehr passiert als – Verdrängen, Verschieben und „mach-ich-dann-schon-irgendwie.  Das bezahlt der Redner dann mit großem Lampenfieber und einem Vortrag, der nicht so gut ist, wie er hätte sein können. Das ist schade.

Meiner Erfahrung nach wird der wichtige Zwischenschritt nach dem Klick auf "Speichern" und dem Raustreten vor die erwartungsvollen Zuschauer oft übersprungen: das Proben. Deswegen schlagen Unsicherheit und Lampenfieber vor dem Auftritt verstärkt zu. Und im Nachgang steht dann die Erfahrung, dass bei der gehaltenen Präsentation noch ordentlich Luft nach oben gewesen wäre. 
 

 

Auch Redner proben

Reden, Vorträge, Präsentationen - proben? Ist denn Proben nicht nur was für Schauspieler? Nein, auf keinen Fall. Aber es ist schon so: am Theater ist faktisch nichts, was auf der Bühne geschieht, ungeprobt. Das führt zu einer großen Sicherheit in den Abläufen und zu einer hohen Professionalität des Gezeigten.

Gleichzeitig wird das Proben am Theater als freudvolle Verpflichtung gesehen: die Zuschauer wollen ja sehen, was sich eine Gruppe von Leuten zu einem Thema oder einem Stück gedacht hat. Eine Haltung. Eine Antwort auf die Frage: warum gerade das - und das gerade jetzt - und in genau dieser Form?
 

Proben für Sicherheit und Freiheit

Ich bin überzeugt, dass Proben auch für die Rede-Rhetorik von besonderer Bedeutung und Wirksamkeit sind. Das bedeutet weder, dass jedes kleinste Detail durchgegangen werden muss, noch dass man sich dadurch besonders festlegt. Mit ein, zwei Stunden im geschützten Raum einer Probe kann jedoch zweierlei gewonnen werden: erstens Sicherheit.  Und zweitens die Freiheit, offen auf das zu reagieren, was da ist.
 

Arbeiten mit einem Test-Publikum

Bei einer Probe sind Sie nicht allein. Im Idealfall arbeiten Sie nämlich mit einem „Test-Publikum“, mit dem Sie direkt kommunizieren können. Jemand gibt Ihnen Rückmeldungen, über das, was Sie tun. Im Theater ist das der Regisseur. In Bezug auf Reden macht die Arbeit mit einem Rede-Coach Sinn. Oder Sie setzen einen guten Freund auf einen Stuhl vor Ihnen und bitten ihn, Ihnen aufmerksam zuzuhören.

Durch diesen Partner, vor dem Sie Ihre Rede halten, bekommen Sie eine wertvolle Außenperspektive auf Ihr Sprechen und Handeln.  Anders, als wenn Sie ganz für sich allein proben würden, können Sie nicht über Inhalte „drüber weg lavieren“. Von Anfang an erinnert Sie die Anwesenheit des Probe-Publikums daran, verständlich zu sprechen.
 

Etwas über die Wirkung Ihrer Rede erfahren

In einer Probe können Sie die Wirkung Ihrer Rede gezielt austesten. Auf Ihr Publikum, und auch auf Sie selbst. Denn alles, was Sie sagen, stößt natürlich auch auf eine Resonanz in Ihnen. Und Ihr Proben-Partner kann Ihnen Rückmeldungen dazu geben, inwieweit Ihr Vortrag verständlich und wirkungsvoll aufgebaut ist , sowie wertvolle Verbesserungsvorschläge.
 

Alleine PowerPoint-Folien memorieren - oder machen?

Wie Sie sprecherische Mittel und Ihre Körpersprache sinnvoll einsetzen, können Sie nur durchs aktive Machen erfahren. Allein im Zimmer sitzend und stumm vorm Bildschirm Ihre Power-Point-Folien memorierend finden Sie gar nichts heraus über Ihre Ausdrucksmittel.

Dabei gibt es so viele spannende Fragen zu klären: Wo setzen Sie Pausen? Wo holen Sie Luft? An welcher Stelle senken Sie die Stimme, um den Gedanken zu einem Ende zu führen? Wie verhält sich Ihre Gestik, wenn Sie mit den Stichwortzetteln hantieren? Die einzige Weise, um all das herauszufinden ist: sich hinstellen und es aktiv ausprobieren.
 

Den Umgang mit Ihren Requisiten üben

Während einer Probe können Sie den Umgang mit allen Präsentations-Tools üben, die Sie benutzen. Sie wollen während des Redens aufs Flipchart schreiben, um etwas zu visualisieren? Probieren Sie es ebenso aus wie den Einsatz von Presentern oder den Umgang mit Ihren Stichwortzetteln. Das sind Ihre „Requisiten“ – ihre Handhabung darf und soll geübt werden, damit sie flüssig klappt.
 

Schluss mit Hetzhetz: die Zeithoheit gewinnen

Nur durch das aktive Durchsprechen vorab (inklusive aller Gänge zum Flipchart oder ähnlichem) bekommen Sie ein Gefühl dafür, wie lange Ihre Rede tatsächlich dauert. Meist verschätzt man sich nämlich in der Vorbereitung, und braucht dann in der Ausführung doch mehr Zeit als angenommen. Wenn Sie das in der Probe merken, können Sie noch Anpassungen oder Kürzungen vornehmen.

Nichts ist schließlich unangenehmer als die Erfahrung, durch den Vortrag durchhetzen zu müssen. Oder nicht entspannt enden zu können, weil die Zeit nicht reicht und das Publikum schon auf den Stühlen herumwetzt.
 

Geht dieser Satz in den Mund?

Durch Proben können Sie austesten, wie verständlich Ihre Inhalte und Ausführungen für Ihre künftigen Zuhörer sind. Rückmeldungen dazu bekommen Sie von Ihrem Probe-Publikum – aber auch die ganz eigenen Erfahrungen sind Gold wert.

Durch das laute Sprechen merken Sie viel eher, wo Sie nur schnell durchkommen wollen oder Gefahr laufen, sich zu verhaspeln. Sie können ausprobieren, ob ein Satz „in den Mund“ geht. Zudem finden Sie leicht heraus, wo Sie sich in Allgemeinplätze flüchten. Dann haben Sie noch entspannt Zeit, um nachzuarbeiten und notwendige Korrekturen durchzuführen.
 

Sicherheit schlägt Lampenfieber

Proben schaffen somit Sicherheit durch Übung. Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass Sie mit einer sorgsam geprobten Rede kein Lampenfieber mehr haben werden – aber wahrscheinlich wird es sich drastisch reduzieren. In jedem Fall wissen Sie, wenn es Sie befällt, dass Sie trotzdem reden können.

Schritt für Schritt wird so der Umgang mit Lampenfieber einfacher: Sie haben ihre Rede ja schon geprobt und sich in die kommende Situation hinein begeben. So wird das Lampenfieber aushaltbar: weil Sie intensiv geklärt haben, wofür Sie angetreten sind.

Sehen Sie Proben als konzentrierte Zeitfenster, in denen Sie die wichtigsten inhaltlichen Punkte und Abläufe für sich durchgehen können. Sie schaffen einen besonderen Fokus auf die Auftritts-Situation und lernen, Ihre Energie daraufhin zu bündeln. Zudem wird der Redeauftritt für Sie als Ganzes wahrnehmbar und in seiner Konkretheit greifbar.

Wenn Sie eine Rede halten, dann geht es ja immer darum, für Ihre Zuhörer eine bestimmte Zeiteinheit besonders wirkungsvoll, lehrreich oder unterhaltsam mit Sinn zu füllen. Es ist eine Möglichkeit, Verbindungen zu schaffen und miteinander Ziele zu erreichen.
 

Im Proben liegt eine Chance

Wirklich toll dabei ist, dass Reden eben prob-bar sind. Das unterscheidet sie von Gesprächen an sich oder einem spontan erbrachten Gesprächsbeitrag. Nehmen Sie das als Chance, als einen klaren Vorteil: durch Proben können Sie Ihre Rede besser machen, wirkungsvoller, persönlicher, eindrücklicher – und damit zu einem besonderen Erfolg in den Augen Ihres Publikums und vor Ihnen selbst.

Also auf, nach dem Klick auf „Speichern“ geht es weiter: auf zwei Beinen, mit wachem Geist und im offenem Raum. Das mag erst einmal wie ein Wagnis klingen. Und es ist sicher ungewohnt, wenn Sie es noch nie gemacht haben. Aber, ich verspreche es: es lohnt sich. Auf jeder Ebene.
 

 

Lust bekommen, das Ding mit der Probe für Ihre nächste Rede im wahrsten Sinne des Wortes auszuprobieren? Dann können Sie hier genauer nachlesen, wie wir in einer PROBE miteinander arbeiten