DER MYTHOS UM DIE 7-38-55% ZAUBERFORMEL

 
 
Beitragsbild: Marlène Meyer-Dunker

Beitragsbild: Marlène Meyer-Dunker

 

Sicherlich ist Ihnen die „Zauberformel“ schon einmal begegnet. Sie ist ein in drei Zahlen gegossenes Versprechen: 7–38–55%. Von Trainern wird sie an Flipchart-Wände gemalt, sie wird in Artikeln zitiert und taucht in allerlei populärwissenschaftlichen Büchern auf.
 

3 Zahlen als Leitlinie?

Diese drei Zahlen suggerieren, dass Kommunikation einfach und durchschaubar ist und bieten eine ‚Leitlinie’ an: Demnach hänge die Wirkung von Gesprochenem nur zu 7% vom eigentlichen verbalen Inhalt, den Worten, ab. Dafür aber zu 38% vom sprecherischen Tonfall und zu 55% vom Körperausdruck. Eine große Verallgemeinerung.

Regeln können was Schönes und Erleichterndes haben. Dieser Dreischritt jedoch entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als gefährlicher Mythos. Schon in Bezug auf die Alltagsrealität ist erkennbar, dass er nicht stimmen kann.
 

Je nach Situation steht was Anderes im Vordergrund

Bei manchen Botschaften stehen die Sachinhalte (Was?) im Vordergrund: etwa wenn Ihr Gegenüber Ihnen mitteilt, dass Sie die angestrebte Stelle erhalten. Manchmal ist auch der stimmliche Ausdruck (Wie?) entscheidend: wenn Sie Ihrer 10jährigen Tochter sagen müssen, dass der Hamster in der Nacht gestorben ist.

Das Verhältnis der drei kommunikativen Ebenen Inhalt – Tonfall – Körperausdruck zueinander ist je nach Situation unterschiedlich.
 

Eine Studie mit eng begrenzter Fragestellung

Wie kann es zu dieser krassen Verallgemeinerung kommen, die zu der„7-38-55-%-Zauberformel“ geführt hat? 1971 stellte der amerikanische Psychologe Albert Mehrabian diese Zahlen im Rahmen einer Studie vor, die eine sehr eng begrenzte Fragestellung hatte.

Es ging dabei um die Wirkung von gesprochenem Wort in Beziehung zu Tonfall und Mimik, aber: in Bezug auf ein einziges wertneutrales Wort! Anhand des Wörtchens „maybe“ (= möglicherweise) untersuchte er, wie sich die Wirkung aufgrund von unterschiedlicher Sprechweise und Körperausdruck verändert.
 

Im Nachhinein grob verallgemeinert

Die Studie wurde sorgfältig ausgeführt, die Versuchsanordnung und Ergebnisse deutlich kommuniziert. Im Nachhinein jedoch wurden die Ergebnisse von außen auf die gesamte mündliche Kommunikation übertragen. So kam es durch stete Verallgemeinerung zur Entstehung der „Zauberformel“.

Ob Inhalt, Sprechausdruck oder Körperausdruck für die Kommunikation gerade besonders bedeutsam sind, variiert je nach Situation und Kontext sehr stark. Deswegen ist dieser Prozess auch nicht mit einer einfachen Formel abbildbar.
 

Mythos Zauberformel führt zu schnellen Urteilen

Gefährlich wird die 7-38-55% Zauberformel, wenn sich Menschen von ihr beeinflussen und in ihrer Wahrnehmung leiten lassen. Plötzlich rücken dann Sitzpositionen, Beinstellungen oder eine häufig in Falten gelegte Stirn des Gesprächspartners gnadenlos in den Fokus.

Das kann zu vorschnellen Urteilen führen und ein Gespräch schwierig machen oder boykottieren. Deswegen ist es wichtig, die „Zauberformel“ als das darzustellen, was sie ist: ein Mythos. Damit wird Platz im Kopf frei, um dem Gesprächspartner mit klarem Blick und offenem Geist zu begegnen: für eine ganzheitliche und differenzierte Wahrnehmung auf allen kommunikativen Kanälen!
 

 

Weiter: Wenn Sie sich intensiv mit Ihren Rede-Inhalten in Bezug auf Körpersprache und Sprechweise auseinandersetzen wollen, ist der REDE-CHECK für Sie interessant.