Warum denn das ganze Theater?

 
 
Beitragsbild: Drama Berlin

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Theater: ein Kosmos, in dem die verschiedensten Sprachen nebeneinander existieren - und in dem jede für das Ganze wichtig ist. So viele Möglichkeiten, auf die Welt zu schauen, so unterschiedlich, so reich. Theater als ein fortwährender Prozess des Fragen-Stellens an menschliches Handeln.

Ist es möglich, den Kern aller Handlungen, die verborgenen Sehnsüchte und Motivationen dieser seltsamen Menschen-Wesen bloßzulegen? Gibt’s etwas, „was die Welt im Innersten zusammenhält“? Dabei sehen, dass jeden Einzelnen was anderes antreibt . . .

Etwas herausfinden wollen, und oft noch nicht wissen, was genau. Spielen und beobachten, voneinander lernen. Machen wir das nicht auch ganz am Anfang, als Kinder? Das Entfalten und Vergehen von Momenten bewusst wahrnehmen. Versuchen, das Besondere jedes einzelnen für die Bühne zu fassen. Merken: selbst wenn ein Vorgang wiederholbar ist – so ist er doch jedes Mal neu, anders.

Sich einlassen und annehmen, was da ist. Selten genug, wenn das auf der Bühne gelingt, und noch seltener im Leben draußen. Zusehen, wie innere Stürme und Gedanken zu immer neuen Körperformationen im Raum werden, die sich in der reibenden Begegnung verändern.

Aus einer einzelnen Textzeile ein ganzes dahinter liegendes Universum konstruieren und es Stück für Stück lebendig werden lassen. Da, dieser flüchtige Gedanke: wie er sich festsetzt und dann Morde, Kriege, Apokalypsen auslöst! Herausfinden, wie das funktioniert und was dabei innerlich abläuft.

Plötzlich löst eine Gruppe von Menschen miteinander einen noch fremden Handlungsstrang in unzählige Einzelsituationen auf; zeigt und beschreibt sich gegenseitig, was dabei zu beobachten, zu fühlen, wahrzunehmen ist – vielleicht. Und im Prozess des Herausfindens, dass es doch ganz anders ist, setzen sich die Teile neu zusammen.

Im geschützten Raum der Proben liegt ein Geschenk; darin: Zeit. Auch, wenn sie immer knapper wird, es ist wertvolle Zeit, um zu verstehen. Jeden Tag aufs Neue und hoffentlich ein bisschen mehr. Dabei klappt auch nicht immer alles (wie auch? Menschen!) und oft genug brechen sich im Kleinen die Konflikte Bahn, die aufzuzeigen wir noch vor Kurzem ausgezogen sind.

Dann: Einatmen, ausatmen, neu beginnen. Eine permanente Erprobung von Verhaltensweisen.

Schließlich ist es nirgends so leicht, dem Irrsinn der Welt mit einem Lachen zu begegnen, wie am Theater. Über allem ist da diese Hoffnung, die ja bekanntlich zuletzt stirbt: dass sich über Gräben, Mauern und das Unsagbare hinweg die Verbindungen kommunizieren lassen. Ja? Ja? JA.

Miteinander und füreinander vom Menschlichen erzählen; in aller Genauigkeit der Schönheit und Abgründigkeit des Lebens nachgehen. Für jede neue Runde:  auf unsere Hintern setzen, noch mal die Ziele klären und worum zum Teufel es eigentlich geht.

Die gemeinsame Suche mit Freude und Ernsthaftigkeit vorantreiben und einen Ausdruck dafür finden. Ist das möglich ohne Coolness, Zynismus, ohne die Sorge um den Machterhalt und diesen Geruch von Angst, der manchmal so tief in den Theatermauern drin steckt? Damit korrumpieren wir zuerst das Theatersystem von innen heraus und letztlich uns selbst - wie widrig und bedrängend die äußeren Umstände auch sein mögen.

Stattdessen ein Theater schaffen, in dem es um gemeinsame Möglichkeiten geht. Ein Theater, das auch im Durchleben der größten Krisen und Konflikte nie zulässt, von ihnen aufgefressen zu werden. Ein Theater, das die Zeiten von Veränderung auch als Chance für Wachstum begreift.

Dieses Theater kann im Aufzeigen der tiefsten Abgründe das Beste in uns zum Vorschein bringen. Dann wird es Diskussionen um das gesellschaftliche und politische Miteinander anregen können und neue Perspektiven schaffen. Darum dieses ganze Theater.

 

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