WAS MICH EIN MÖNCH LEHRT - SCHRITT FÜR SCHRITT

 
 
Foto: Austin Schmid, Unsplash

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Ich habe oft den Eindruck, dass es „nicht genug“ ist, was ich täglich so mache und schaffe. Und zwar ganz unabhängig davon, wieviel ich tatsächlich an einem Tag fertig gekriegt habe. Immer hat die Stimme in meinem Kopf noch was zu meckern: „Das reicht nicht. In dem Tempo kommst du nie voran.

Weil ich weiß, dass es vielen so geht, teile ich heute meine Lieblings-Geschichte zu dem Thema. Immer, wenn ich sie höre oder sie mir selbst erzähle, treibt sie mir ein Lächeln ins Gesicht. Zum ersten Mal habe ich sie von meiner lieben Lehrerin Isabella Winkler gehört. Von wem sie ursprünglich ist, weiß ich leider nicht. Seither begleitet mich diese Geschichte: Jedes Mal als ein Geschenk, wenn sie mir wieder einfällt.

Um sie präsent zu halten, und für alle – hier ist sie:

Eines Tages musste ein Abt aus einem buddhistischen Kloster hoch oben in den Bergen eine dringende Nachricht an einen anderen Abt überbringen. Das andere Kloster befand sich auf einem weiteren hohen Berg – und dazwischen lag eine weite und extrem unwirtliche Wüste.

Der Abt rief einen seiner Mönche zu sich und gab ihm die Aufgabe, die wichtige Nachricht schnellstmöglich an ihren Bestimmungsort zu bringen.

Der Mönch spurtete, hoch motiviert und beflissen, los. Dabei sagte er sich innerlich immer wieder: „Ich schaffe das, ich schaffe das, ich schaffe das.“

Irgendwann konnte der Mönch jedoch einfach nicht mehr weiter, alle Kraft war dahin, er brach zusammen und blieb liegen. Mitten in der Wüste. Der Abt hatte den Weg des Mönchs beobachtet und gesehen, welches Ende es mit ihm genommen hatte.

Da die Nachricht jedoch nach wie vor sehr wichtig war, schickte er einen zweiten Mönch mit der Botschaft fort.

Dieser machte sich sofort auf den Weg. Und jener Mönch hörte in seinem Kopf die gesamte Zeit – und je weiter er in die Wüste hineinging, umso mehr – folgende Worte in seinem Kopf: „Ich schaffe das nicht. Ich schaffe das nicht. Es geht nicht. Ich schaffe das nicht.“

Irgendwann bekam die Stimme im Kopf des Mönchs recht, denn er brach zusammen und konnte keinen einzigen weiteren Schritt mehr gehen.

Nun lagen bereits zwei Mönche in der Wüste rum, das hatte der Abt wiederum genau beobachtet. Allein, die Botschaft war weiter wichtig und musste überbracht werden. Also holte der Abt den dritten und letzten Mönch.

Auch dieser bekam seine Weisungen und wurde durch die Wüste losgeschickt.

Er machte sich auf den Weg, Schritt für Schritt für Schritt. Er ging den einen Berg runter, in die Wüste hinein und vorbei an dem ersten wie dem zweiten Mönch, die Wüste hindurch und den nächsten Berg hinauf. Er überbrachte die Botschaft, bekam seine Antwort mit und machte sich auf den Rückweg.

Wohlbehalten kam er wieder im Kloster und bei seinem Abt an ...

Und was war nun die wichtige Botschaft? 

Ok, in der Geschichte geht es nicht um die Nachricht, die der Abt an den anderen Abt geschrieben hat.

Vielmehr um die Worte, die der Mönch in seinem Inneren hörte, während er auf dem weiten, eigentlich-nicht-zu-schaffenden Weg war.

„Ein Schritt – gut. Ein Schritt – gut.“

Tatsächlich erzählte mir Isabella tatsächlich damals die Geschichte auf Deutsch, nur die inneren Worte des dritten Mönchs auf Englisch. Sie hörte die Geschichte zum ersten Mal auf Englisch. Ich finde die folgenden Worte noch passender – und schwierig zu übersetzen:

„So far, so good. So far, so good.“

 

Wie ich diesen Mönch liebe, wie er sich Schritt für Schritt durch die Wüste kämpft. Immer nur auf den Schritt jetzt, gerade, in diesem Moment, konzentriert.

Nicht schon auf das schauend, was das ferne Ziel ist, und in Gedanken schon da-seiend. Nicht innerlich erzählend, dass die Reise eh zu lang und sinnlos ist. Sondern immer nur „Jetzt“.

Ich bin überzeugt davon, dass diese Haltung von „so far, so good“ die ist, die uns mit Zufriedenheit und letztlich mit uns selbst verbindet. Weil sie nicht mehr will als das, was gerade ist. Und das ist, so paradox es klingt, die Haltung, die wir alle brauchen, wenn wir wachsen wollen. Wenn wir echte Verbindungen aufbauen wollen. Zu uns selbst, zu anderen Menschen. Die Haltung, die wir brauchen, wenn wir auf die Bühne gehen. Wenn wir unsere Botschaft in die Welt raustragen. Für jeden einzelnen Schritt.

Möge ich die Lehre dieses Mönchs bei meinen Schritten präsent halten.