WIE EINE NONNE PRÄSENT DURCH DIE WÜSTE GEHT - SCHRITT FÜR SCHRITT

 
 

Ich habe oft den Eindruck, dass es „nicht genug“ ist, was ich täglich so mache und schaffe. Und zwar ganz unabhängig davon,  wie viel ich tatsächlich an einem Tag fertig bekomme. Immer hat die Stimme in meinem Kopf noch was zu meckern: „Das reicht nicht. In dem Tempo kommst du nie voran.

Geht’s dir auch manchmal so? Dann kommt jetzt meine Lieblings-Geschichte zu dem Thema Präsenz und Achtsamkeit. Zum ersten Mal habe ich sie von meiner lieben Achtsamkeits-Lehrerin Isabella Winkler gehört. Von wem sie ursprünglich ist, weiß ich nicht.

Immer, wenn ich sie höre oder sie mir selbst erzähle, muss ich lächeln – und alles wird ein Stück leichter. Weil mir dann wieder so schön bewusst wird, dass ich mir viele innere Geschichten selbst erzähle. Und dass ich sie auch anders denken kann.

Hier ist sie:

Eines Tages musste eine dringende Nachricht aus einem buddhistischen Kloster hoch oben in den Bergen an ein anderes Kloster verschickt werden. Dieses befand sich auf einem weiteren hohen Berg – und dazwischen lag eine extrem unwirtliche Wüste.

Die Äbtissin rief eine der Nonnen zu sich und gab ihr die Aufgabe, die wichtige Nachricht schnellstmöglich an ihren Bestimmungsort zu bringen.

Die Nonne spurtete hoch motiviert und beflissen los. Dabei sagte sie sich innerlich immer wieder: „Ich schaffe das, ich schaffe das, ich schaffe das.“

Irgendwann konnte sie jedoch einfach nicht mehr weiter, alle Kraft war dahin. Sie brach zusammen und blieb liegen. Mitten in der Wüste. Die Äbtissin hatte das beobachtet und gesehen, welches Ende es mit ihr genommen hatte.

Da die Nachricht jedoch nach wie vor sehr wichtig war, schickte sie eine zweite Nonne mit der Botschaft fort.

Diese machte sich sofort auf den Weg. Und jene Nonne hörte in seinem Kopf die gesamte Zeit – und je weiter sie in die Wüste hineinging, umso mehr – folgende Worte im Kopf: „Ich schaffe das nicht. Ich schaffe das nicht. Es geht nicht. Ich schaffe das nicht.“

Irgendwann bekam die Stimme im Kopf der Nonne recht. Sie brach zusammen und konnte keinen einzigen weiteren Schritt mehr gehen.

Nun lagen bereits zwei entkräftete Nonnen in der Wüste rum. Das hatte die Äbtissin wiederum genau beobachtet. Allein, die Botschaft war weiter wichtig und musste überbracht werden. Also holte sie die dritte und letzte Nonne.

Auch sie bekam ihre Weisungen und wurde durch die Wüste losgeschickt.

Sie machte sich auf den Weg, Schritt für Schritt für Schritt. Sie ging den einen Berg runter, in die Wüste hinein, die Wüste hindurch und den nächsten Berg hinauf. Sie überbrachte die Botschaft, bekam ihre Antwort mit und machte sich auf den Rückweg.

Wohlbehalten kam sie wieder im Kloster an.

 

Und was stand nun in der Botschaft? 

Ok, in der Geschichte geht es nicht um die Nachricht, die jene Nonne überbringen sollte.

Vielmehr um die Worte, die sie in ihrem Inneren hörte, während sie auf dem weiten, eigentlich-nicht-zu-schaffenden Weg war.

 

„Ein Schritt – gut. Ein Schritt – gut.“

Tatsächlich erzählte mir Isabella tatsächlich damals die Geschichte auf Deutsch, nur die inneren Worte der dritten Nonne auf Englisch. Ich finde die folgenden Worte noch passender.

 

„So far, so good. So far, so good.“

Wie ich diese Frau mag, wie sie sich Schritt für Schritt durch die Wüste kämpft. Immer nur auf den Schritt jetzt, gerade, in diesem Moment, konzentriert.

Sie schaut nicht schon auf das ferne Ziel. Sie ist in Gedanken nicht schon da. Sie erzählt sich nicht, dass die Reise eh zu lang und sinnlos ist.

Sie konzentriert sich auf das Jetzt. Auf den einen Schritt, den sie gerade geht.

Ich bin überzeugt davon, dass uns die Haltung von „so far, so good“  mit Zufriedenheit und letztlich mit uns selbst verbindet. Weil sie nicht mehr will als das, was gerade ist. Weil sie achtsam damit umgeht. Und weil diese Haltung weiß, dass es nichts bringt, auf das Übermorgen zu schielen.

 

Wann leben wir wirklich?

Denn der einzige Moment, in dem wir wirklich leben, ist das Jetzt. Das Gestern ist schon vorbei. Das Morgen wird erst noch kommen. Und da kommen wir eh hin, wenn die Zeit dafür da ist. Schritt für Schritt.

Ich bin überzeugt, dass diese achtsame Konzentration auf das Jetzt das ist, was uns wachsen lässt. Wodurch wir echte Verbindungen aufbauen. Zu uns selbst und zu anderen Menschen.

Letztendlich ist diese Konzentration auf das Jetzt nichts anderes als Präsenz. Wirklich da zu sein im Moment, mit allen Sinnen – und zwar in der Gegenwart. Es ist die Fähigkeit, sich immer wieder voll Bewusstsein zu dem zurückzubringen, was gerade ist.

 

Es ist auch die Haltung, die wir brauchen, wenn wir auf die Bühne gehen, wenn wir vor Publikum treten. Wenn wir unsere Stimme erheben. Wenn wir das machen, was uns wirklich wichtig ist. Wenn wir unsere Botschaft auf die eine oder andere Art in die Welt hinaustragen. Für jeden einzelnen Schritt.

Und dann ist das, was jetzt ist, genug.