DER WEG AUF DIE BÜHNE IST EIN PROZESS

 
 
Beitragsbild: unsplah

Beitragsbild: unsplah

 

Der Weg auf die Bühne ist kein Sprung hinauf aus der ersten Reihe oder ein beherzter Schritt aus dem Off ins Rampenlicht. Es ist ein Prozess. Klar: am Ende steht das Ergebnis, der Bühnenauftritt. Aber bis dahin gibt es zwei vorangehende Phasen, die nicht im Scheinwerferlicht stattfinden – und die den 'Schritt auf die Bühne' entscheidend erleichtern.
 

Die wichtigsten Fragen zuerst

Ich erinnere mich an meinen Regie-Unterricht, zweites Semester. Der Professor schaut in die Runde. Dann hebt er den Kuli und knallt ihn mit Nachdruck wieder auf den Tisch. „Die wichtigsten Fragen,“ doziert er, „sind: was wollen Sie erzählen? Und warum ist das Ihr Thema?

Das sind Fragen, auf die man meist nicht mit einem Fingerschnippen eine Antwort hat. Ich mit 19 Jahren jedenfalls nicht. Doch seitdem beschäftigt mich die Frage nach dem Warum intensiv, persönlich wie beruflich.

Langsam ist das Bewusstsein gewachsen, dass die Anworten darauf nicht außen liegen – sondern in mir, in meiner Wahrnehmung und Sichtweise auf die Welt. In meinem persönlichen Warum. Jede Inszenierung, jede Rede beginnt mit dieser Frage. Und mit der ersten Phase: der Vorbereitung.
 

Leitplanke zur Orientierung

Wenn da eine Ahnung der Antwort spürbar ist, kann ich mich an ihr wie an Leitplanken entlang bewegen. Das Warum bestimmt meine Haltung. Auch bei momentanem Orientierungsverlust richte ich mich so immer wieder auf das Ganze hin aus.

Vor dem Hinaustreten ins Rampenlicht liegt also als erster Schritt ein Prozess der Klärung und der Fokussierung. Das braucht Zeit und Ruhe, sowie die Möglichkeit, in mich hineinzuhorchen. Danach kann ich eine klare Sprache für das finden, was mich umtreibt.

Eine Theaterinszenierung durchläuft einen ähnlichen Prozess. Auch da gibt es die Phase der Vorbereitung. Sie ist am ‚unsichtbarsten’, weil sie bereits lange vor Probenbeginn liegt. Es ist eine Zeit, die zum ersten Abklopfen des Textes und der eigenen Impulse dient. Es gilt, einen Raum zu den inneren Bildern und eigenen Haltungen zu finden – im übertragenen Sinne und ganz real.
 

Konkret in Farbe und 3D

Die zweite Phase ist die der aktiven Proben. Nun geht die Suche los nach einer Sprache für all die Ideen, Haltungen und Gedankenfragmente. Nach einer Form, die alles bündelt und zusammenschließt. Ganz konkret in Farbe und in 3D wird erforscht, wie sich der Körper zu dem Text verhält. Spätestens dabei wird offensichtlich, woraus das Theater seine größte Kraft bezieht: aus der Verschiedenartigkeit von Menschen.

Jede Schauspielerin wird Maria Stuart anders spielen als die Kollegin. Keine zwei Darstellungen ähneln sich, auch wenn der Text der gleiche ist. Jede bringt andere Geschichten, Prägungen, Gedanken in die Gestaltung mit ein – von den verschiedenen körperlichen und stimmlichen Voraussetzungen ganz zu schweigen. Davon profitiert jede neue Inszenierung.  Denn irgendwann ist die Luft raus, wenn eine Geschichte immer gleich erzählt wird. Dann will doch irgendwann niemand mehr zuhören, oder?
 

Immer auf dieselbe Weise

Dazu fällt mir ein Dialog aus Sonny Boys von Neil Simon ein, der das auf den Punkt bringt. Es ist ein Stück über zwei alte Schauspieler. Sie standen jahrelang miteinander auf der Bühne, bevor sie sich miteinander verkrachten – und damit ihrer beider Laufbahn beendeten.

AL: Weißt du, warum ich 43 Jahre immer denselben Text gesprochen habe und auf dieselbe Weise ... ? Weil er gut ist. 
WILLIE: Und weißt du, warum wir den Text jetzt nicht mehr sprechen? Weil wir 43 Jahre lang immer denselben Text auf dieselbe Weise gesprochen haben. 

Irgendwann haben Al und Willie vergessen, warum sie ihren Sketch aufführen wollten. Und dann wollte sie auch niemand mehr hören. Deswegen gilt es, sich immer wieder neu auf die Füße zu stellen, um die eigenen Ideen sicht- und hörbar zu machen, um andere Schlaglichter auf die Welt zu werfen.
 

Das ist meine Traumrolle

Eine befreundete Schauspielerin hörte etwa, dass in der nächsten Spielzeit ihre Traumrolle auf dem Spielplan stehen sollte. Sie ging zum Intendanten. Danach weiter zum Regisseur. Vehement und überzeugend reklamierte sie diese Rolle für sich. „Ich muss das spielen, weil...“

Auch am Theater ist es noch immer unüblich, sich in Besetzungsfragen selbst einzubringen. Aber wieviel wunderbarer sind Aufführungen, wenn die Mitwirkenden genau wissen, warum sie auf der Bühne stehen? Diese Schauspielerin jedenfalls hat die Rolle bekommen und glänzend ihre Sichtweise dazu in die Welt hinaus getragen.

Das konnte sie tun, weil es ihr persönlich ein Anliegen war. Und weil sie durch vorbereitende Auseinandersetzung und intensive Proben einen Raum für sich geschaffen hat, um ihre Lesart „auf den Punkt“ zu bringen. Denn die dritte Phase, die eigentliche Aufführung, ist nur das Endresultat des Prozesses, der vorher durchlaufen wurde.
 

Keine punktuelle Leistung

Oft wird die Bedeutung dieses dreiteiligen Prozesses übersehen, wenn es um Redeauftritte geht. Dabei ist das keine 'singuläre Leistung', die punktuell erbracht wird. Vielmehr ist sie das sichtbare Endresultat einer Entwicklung, die auf jeder Ebene lange vor dem eigentlichen Ereignis begonnen hat.

Im Endeffekt bewegen und begeistern auf der Bühne Persönlichkeiten. Menschen, die sich auf produktive Weise mit sich selbst und der Welt auseinander setzen. Die den Herausforderungen des Lebens mit innerem Wachstum begegnen. Die eine eigene Haltung haben und wissen, wofür sie stehen.
 

Ein Wachsen und Werden

Und das alles? Ist ein Prozess – niemand ‚ist’ von vornherein einfach so: es ist ein Wachsen und Werden. So vertraue ich persönlich auch dem Prozess, dass immer mehr faszinierende Frauen den Weg auf die Bühne antreten werden. Eine nach der anderen. Manchmal boxend aus der letzten Reihe, und manchmal auf Händen über die Menge nach vorne gehoben. Insgesamt immer mehr und mehr. Mit ihren gesammelten Geschichten und Beweggründen, präsent und voll in ihrem bunten Leben stehend.

 

Das ist mein Beitrag zur Blogparade „Setz Dich ins Licht“ von Katja Kerschgens und Bettina Schöbitz. Die gesammelten, sehr spannenden Artikel sind das beste Beispiel dafür, dass da eine Bewegung im Gange ist, die immer mehr Frauen auf die Redner-Bühnen bringen wird. 

 

 

Manchmal fällt der Schritt auf die Bühne leichter, wenn jemand dabei ist. Der beim Umgang mit dem Lampenfieber hilft und der das große Ganze für einen im Blick hat. Damit Sie sich nur auf das fokussieren, was gerade wichtig ist. Hier geht es zu meinem Angebot rund um Ihren Redeauftritt, davor, dabei und danach.